Leseprobe "Maiglöckchen-Blues"




I

 

Proömium

 

Holzminden ist nicht Berlin. Holzminden ist eine Kleinstadt, die im beschaulichen Weserbergland ums nackte Überleben kämpft. In diesem Sinne ist sie Berlins kleine Schwester vom Lande.

In diesem Sinne ist Holzminden auch die kleine Schwester Gelsenkirchens, Athens oder Kairos. Weltweit kämpfen kleine und große Städte ums nackte Überleben. Schiere Größe schützt nicht mehr. Provinz gibt es auch nicht mehr. Das Stadt-Land-Gefälle von Technik, Bildung und Kultur ist im Zeitalter des Internets eingeebnet. Die großen und die kleinen Städte der Welt kämpfen alle in derselben Arena des Global Village, jede auf ihre Art, jede mit ihren Möglichkeiten. Und in  ihnen kämpfen die Menschen täglich um ihren Platz in der Stadt, um ihren Platz im Leben. Holzminden ist Kairo, ist Gelsenkirchen, ist Athen, ist Berlin.


I - 1

 

 

Der schwere Duft von Maiglöckchen zog durch die kleine Stadt, die in ihrem gewohnt unruhigen Schlaf lag. Es schien, als wolle sie kurz ihre plattgelegenen Glieder strecken, als wolle sie einen dickflüssigen Traum abschütteln, sich auf die andere Seite drehen, um gleich darauf wehrlos im Morast des nächsten zähen Traumes zu versinken.

 

Wie erfrischend war es, durch diese träge, duftschwangere Kühle zu gehen!

 

Allein die Zeit schien es eilig zu haben, mit sanftem Druck trieb sie das hauchzarte Morgenlicht durch die Gassen der schlafenden Stadt. Und wäre Odos Vorhaben nicht an die Zeit gebunden gewesen, hätte er sich gerne noch eine Weile untätig dieser honigzähen Kleinstadtruhe hingegeben. Wollte er aber seinen Schuss heute machen, musste er sich beeilen, morgen schon sollte das Wetter ganz anders sein.

 

Kupferne Schlangen spien die immergleiche, abgestandene Brühe in den buntsandsteinernen Marktbrunnen, das Glucksen und Plätschern des Wassers täuschte Frische vor. Am Fuße des Brunnens hingen einige übernächtigte Jugendliche herum wie sterbende Schmetterlinge, jedoch stolz auf ihre erste durchzechte Nacht - auf einem Tanz in den Mai? In einer Disco? In einem verruchten Partykeller, wer weiß? Hin und wieder zuckte Leben durch die erschöpften Körper. Der Lebendigste unter den Nachtfaltern dirigierte zum gemeinsamen Aufbäumen gegen die Schwerkraft des Schlafes. Er stellte sich in Rapper-Manier hin, spreizte die Finger und gab mit Zischlauten einen Groove vor. Einer nahm den Faden auf und stimmte den Megahit des Jahres an. Andere folgten ihm, doch ihre müden Zungen konnten dem Tempo nicht folgen: was als frecher Hip-Hop starten wollte, erstarb kläglich nach nur wenigen Zeilen. Das offene Fenster über dem Weser Landcafé füllte eine robuste Frau, auf ihre massigen Unterarme gestützt. Missmutig verfolgte sie das Geschehen. Noch in den Ausklang des absterbenden Hip-Hops rief sie mit schneidender Stimme:

- Ist nun endlich Ruhe, oder muss ich die Polizei rufen?

Die jungen Leute winkten müde ab:

- Ist gut, Oma Eilers, wir sind gleich weg!

Die Alte schloss das Fenster und zog sich in die Hoffnung auf ein wenig Restschlaf zurück.

 

- Hey Odo, komm und trink einen mit uns, rief einer der Übernächtigten und pendelte eine halbleere Bierflasche zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine brüchige Stimme rebellierte gegen die Müdigkeit, er kämpfte um sein schwindendes bacchantisches Hochgefühl und suchte nach einem würdigen Abschluss einer historischen Nacht; denn so viel war klar: diese noch nicht ganz vergangene Nacht war eine dieser Weißt-Du-Noch-Nächte von denen man sich ein Leben lang erzählt.

‚Wer erkennt mich denn da‘, fragte sich Odo Blume, ‚wo nicht einmal Pina mich wiedererkannt hat? Als ich von hier wegging, waren diese Kinder noch gar nicht geboren‘.

- Wer bist du? Woher kennst du mich?

- Ich bin Jan-Torben. Du bist mit meinem Alten zur Schule gegangen...

Der Junge hielt kurz inne. Nüchtern hätte er den Mann niemals mit dem vertrauten Du angesprochen. Doch der Alkohol und die durchwachte Nacht hoben ihn hoch zu den Erwachsenen. Odo verzog fragend das Gesicht.

- Jo Sagebiel, er hat viel von dir erzählt. Spricht sich eben rum, dass du wieder im Lande bist. Komm, lass uns einen trinken.

 

Joachim Sagebiels Sohn? Kurz erschreckte ihn der Gedanke, er könnte selbst schon erwachsene Kinder haben. Ohne eigene Kinder verharrt ja ein Teil von uns in permanenter Jugend. Die Physik zieht den Körper ins Alter, die Kinder schieben den Geist hinterher. Oder die Seele. Irgendwas jedenfalls scheint ohne eigene Kinder zurückzubleiben. Aus dem Gesicht dieses Milchbarts grüßte dunkel die Vergangenheit. Blanker Stahl durchbohrte Odos Brust: Schultern hochziehen, Wirbelsäule strecken, langsam und unauffällig einatmen, Luft kurz anhalten, langsam wieder ausatmen! So ließ gewöhnlich der stechende Schmerz bald wieder nach.

- Ein andermal gern sagte Odo knapp, der Nebel wartet nicht!

Der Milchbart stutzte:
- Hä? Wie meinst‘n das?

Odo hob seine Fototasche:

- Hier! Schnappschüsse, alles klar?

- Alles klar, der Nebel wartet nicht, sagte Jan-Torben Sagebiel und stieß ein erzwungenes Gelächter aus, irre und dämlich wie nur Besoffene es hervorbringen können:

- Hehehe, nicht wahr Freunde, Nebel und schöne Frauen sollte man nicht warten lassen, hehehe!

 

Odo hatte seinen damaligen Freund noch nicht wieder gesehen. Er hatte bislang nicht das geringste Bedürfnis, die alten Kontakte wiederzubeleben. Holzminden sollte eine Stadt wie jede andere sein. Ein Ort, den man aufsuchte, um etwas zu erledigen. Dass er zufällig hier aufgewachsen war, sollte keine Rolle spielen. Keine Bindung an eine Zeit, keine Bindung an einen Ort! Gebunden war man bloß an seine Aufgabe. Damit hatte er zwanzig Jahre lang gut gelebt, warum sollte er das aufgeben?

 

Am Ende der Weserstraße zeigte sich noch ein zarter Hauch von Morgennebel über dem Fluss. Es wurde rasch hell, fast zu rasch. ‚Ich hätte das Fahrrad nehmen sollen‘, dachte Odo und beschleunigte seinen Schritt. Seine Kameratasche, das Stativ, sein Bauchansatz und die Speckschicht des Oberkörpers hüpften im Rhythmus mit, als wollten sie sich vom Körper lösen. Odo hielt die Tasche und das Stativ fest, das Fett schwabbelte weiter. ‚Ein bisschen Sport wäre gut. Sobald sich in der Agentur die vielen Neuerungen etabliert haben, werde ich wieder ein wenig Sport machen‘, nahm Blume sich fest vor. Wie jedes Mal, wenn er sich körperlich anstrengen musste. Bisher fand sich immer was, das dem Sport in die Quere kam.

 

Senile Bettflucht trieb einen krummen Alten auf die Weserbrücke. Ist das nicht bitter? Das ganze Arbeitsleben lang träumt man davon, endlich ausschlafen zu können und im Alter jagen dich dann die schmerzenden Glieder und dumme Träume aus dem Bett. Die Krücke des Alten pochte im unrhythmischen Takt seines schleifenden Schrittes.

‚Sieht eher aus wie ein Hotel und nicht wie ein Altenheim‘, dachte Blume und sah bewundernd auf das stattliche Gebäude, das wie ein Brückenkopf am Stadtufer stand. Als er vor 20 Jahren Holzminden verlassen hatte, war das noch ein hässlicher Rohbau gewesen, der kurz zuvor im Hochwasser abgesoffen war. Schürmannbau hatte man die Ruine scherzhaft genannt. Die Kleinen nehmen sich gerne Anleihen von den Großen. Der große Schürmannbau hatte in der einstigen Bundeshauptstadt Bonn gestanden, benannt nach dem Architekten und genauso hoffnungslos im Hochwasser stehend wie der kleine Holzmindener Bruder. Niemand hatte damals geglaubt, aus den beiden Ruinen könne überhaupt noch was Brauchbares werden. Damals donnerten noch all die stinkenden Lastwagen über die Brücke und quetschten sich dröhnend durch das enge Herz der Stadt. Es hat sich so viel verändert hier. Weserabwärts ragte der Bogen der neuen Brücke aus dem Nebel, die nun den Durchgangsverkehr um die Stadt herumführte. Das war noch nicht sein Schnappschuss, aber Brücken, die aus dem Nichts ins Nichts führen, sind ob ihrer vieldeutigen Botschaft auf Kalendern oder Ansichtskarten immer wieder gern gesehen. Odo packte seine Kamera aus, legte sie am Brückengeländer auf und nahm den Schuss als Zugabe mit.

 

Nun aber schnell weiter!

 

Er musste noch am ehemaligen Sägewerk vorbei, das früher sein geschäftiges Durcheinander geschickt hinter Büschen und Bäumen verborgen hatte. Mittlerweile waren die Büsche und Bäume weg und an Stelle des alten, maroden Gebäudes strahlte eine gepflegte Tischlerei mit dem sinnigen Namen Specht Stil und Kompetenz aus. Daneben lag noch ein Haus und dahinter dann die Wiese und in ihrer Mitte die gesuchten Bäume. Odo erkannte Obstbäume nur an ihren Früchten. Davon aber war man noch weit entfernt. Gerade erst waren die Blüten abgefallen und die Blätter staken noch ihn ihren Knospen. Die Bäume standen also noch nackt bis aufs Skelett und reckten ihr bizarres Ast- und Zweigwerk eitel in den Morgennebel. Dieser Anblick hatte etwas Intimes, man konnte den Bäumen in ihr Inneres blicken, ehe sie ihr Geheimnis in dichtgrünes Blattwerk hüllten. Er stieg über den Zaun und rannte über die Wiese, so schnell Ausrüstung und Körperfett es zuließen, denn jeden Augenblick konnte die Sonne hinterm Kratzeberg hochkriechen und das mystische Motiv zerstören. Hastig stellte er sein Stativ auf und schraubte die Kamera dran. Mit geübtem Blick justierte er das Gerät, stellte es tiefer und kippte die Kamera leicht nach hinten. Da stand nun der Pflaumenbaum (so vermutete er) mit seinen zielstrebig nach oben gereckten Ästen und der knorrige Apfelbaum (oder war es ein Kirschbaum?) stand geduckt links daneben. Der Apfel- oder Kirschbaum sah aus, als hätte seine verdrehte Krone sich nie richtig entscheiden können, wohin sie eigentlich hatte wachsen wollen: mal hierhin; nein, doch wieder andersrum; dann wieder ganz anders, gerade wie es sich ergab. Warum war ihm der zufallsorientierte Apfel- oder Kirschbaum sympathischer als die geradlinige Pflaume? Egal, nur gemeinsam ergaben sie dieses faszinierende Ensemble. Ihr schwarzes Geäst, ihr filigranes Gezweige zeichnete sich kontrastreich vom weißen Dunst ab. So hatte er es gestern zufällig entdeckt und so wollte er es haben! Odo spielte mit Blenden und Belich-tungszeiten und schoss ganze Serien ab. Über dem flachen, seidigen Nebelschleier, der die Weser bedeckte wie eine schlafende Frau, war der Himmel schon zur Hälfte in Rosa getaucht. Odo drehte sein Objektiv in die Totale, von links schob sich der Brückenbogen ins Bild. Er drehte zurück, bei etwa 28 mm verschwand die störende Brücke wieder. Nahezu perfekt, aber eben nur nahezu. Während er noch überlegte, was dem Bild fehlte, fiel ihm auf: Im Gegenteil es war zu viel. Ein Himmel halb in Flammen und darunter ein Idyll das an Kitsch grenzte, obwohl Odo sich immer wieder sagte: Die Natur kennt keinen Kitsch! Kitsch ist eine rein menschliche Erfindung. Er kippte die Kamera, so dass die Morgenröte verschwand und das filigrane Geäst im milchigen Nebelweiß wie eine Skulptur an der Grenze zwischen Leben und Tod verharrte. In dieses rauschhaft-schöne Bild fügte sich stimmig der penetrant-bittersüße Geruch der Maiglöckchen - ein Konglomerat aus Ästhetik, Erotik und tödlichem Gift! Odo sog die Luft gierig ein wie einen Joint. Der betäubende Duft kam aber nicht von lebendigen Blumen, sondern von der Fabrik am anderen Ende der Stadt. Man produziert hier rund um die Uhr Duft- und Aromastoffe für die ganze Welt. Holzminden ist und nennt sich: die Stadt der Düfte! Manchmal riecht es überall nach Erdbeereis, ein andermal zieht eine Zwiebelwolke oder der Hauch von Menthol in alle Windrichtungen.  Am 1. Mai nun ausgerechnet Maiglöckchen: ein betörender Zufall.

 

Nun schob die Sonne ihre glühende Krone hoch. In ihren Lichtlanzen glitzerten die Nebeltröpfchen ihrer Auflösung entgegen. In wenigen Minuten zog die Sonne der schlafenden Weser die watteweiche Decke weg, die nun nackt und schamlos, träge und fröstelnd in ihrem Bett lag. Nur im langen Schatten des hässlichen Getreidesilos hielt sich noch eine weiße Schwade, durch die zwei Pferde galoppierten, verunsichert vom Fotografen oder auch nur aus morgendlichem Bewegungsdrang. Blume riss Kamera samt Stativ an sich, stellte auf „Dauerfeuer“ und hielt auf die Pferde. Das rasche Klicken der Kamera klang wie Jazzbesen, die auf ein Schlagzeug prasselten, begleitet vom exaltierten Gesang  einer einzelnen Feldlerche und vom dumpfen Basso Sostenuto des Hufgetrappels.

- Yeah!

Solche Geschenke bekam man nur selten. Blume sah auf das Display und nickte hochzufrieden. Wenn er den hässlichen Getreidespeicher am oberen Bildrand wegschnitt, blieben ihm zwei Pferde, die durch eine Wolke galoppierten: Pegasus und Partner.

 

Er liebte dies absichtslose Arbeiten. Keine Werbebotschaft, keine Website, für die ein Bild gefunden oder geschaffen werden musste, sondern Bilder die für sich selber standen, Bilder, die sich ihren Zweck aussuchen durften: Kalender, Postkarte, Dekofoto, Bildband, oder, völlig zweckfrei: Kunst. Auf diese Weise hatte er sich schon ein stattliches Archiv geschaffen, aus dem er einige seiner besten Arbeiten gespeist hatte. Der Ordner „Kunst“ jedoch war beinah etwas Heiliges. Hierin sammelte er nur Bilder, die auch aus seinem Inneren hätten stammen können. Bilder, die er hätte malen wollen, hätte er zu malen vermocht. Aber er war nur Fotograf und daher auf den Zufall angewiesen, der ihm solche Wunschbilder lieferte. Hochzufrieden packte er seine Kamera in die Tasche.

 

Häufig, wenn Odo Auto fuhr, fiel ihm plötzlich etwas ins Auge - ein Haus, ein Baum, ein Berg, eine Brücke oder sonst was - in einem ganz bestimmten Licht - und wusste noch im selben Augenblick: das musste er so fotografieren, von dieser Perspektive, zu dieser Jahreszeit, bei diesem Wetter und in diesem Licht! Weil er schon zu viele solche „optischen Geschenke“, wie er sie nannte, nicht eingelöst hatte, notierte er mittlerweile Zeit, Ort und Motiv, um irgendwann den Shot zu machen. Dennoch konnte er nur wenige solcher Schüsse tatsächlich verwirklichen, weil er beispielsweise nicht wieder in diese Gegend kam oder Zeit, Licht und Stimmung nicht mehr passten. In seltenen Fällen fand er die Stelle einfach nicht mehr.

 

Die beiden Bäume im Morgennebel draußen vor der Stadt hatten allerdings nicht mehr gekostet, als früh genug aufzustehen. Und das war kein Problem. Blume unterteilte sein Leben nicht, wie andere Leute, in Tag und Nacht, Arbeit oder Freizeit, Sonn- oder Wochentag. Er arbeitete, wann er Lust hatte, also fast immer, und er schlief wenn er müde war, also selten vor Mitternacht und kaum länger als fünf, sechs Stunden.

 

Nun hatte er im Kasten, was er hatte einfangen wollen, sogar noch einige kleine Zugaben, eine gute Ausbeute, doch der Tag war einfach zu jung und das Licht zu klar, um nach Hause zu gehen. Er klappte das Stativ nur zu, warf es auf die Schulter und überlegte, wo er fußläufig die besten Motive in dieser Tageszeit finden könnte.

I - 2

 

 

Ausgerechnet am Tag der Arbeit wurde nicht gearbeitet - Burkhardt Mahlmann fand das kurios, schon immer. Für ihn persönlich hieß das nichts weiter, als dass er an diesem Donnerstag keine Zeitungen auszutragen hatte. Nach alter Gewohnheit stand er trotzdem genauso früh auf wie immer. Das lautstarke Amselkonzert vor seinem Fenster ließ ihn ohnehin nicht mehr schlafen. Entgegen alter Gewohnheit rasierte er sich noch, ehe er aus dem Hause ging. So machte er den Donnerstag zum Feiertag. Das Frühstück verkniff er sich noch, die Vorfreude war schließlich genauso schön, wie das Frühstück selber. Sein scharfes Rasierwasser prickelte auf der geröteten Haut. Der kühle Ostwind verstärkte die wohltuende Frische. Ein Ziehen in der linken Hüfte kündigte einen Wetterumschwung an. Sein verschlissenes Gelenk war verlässlicher als manche Vorhersage von den Wetterfröschen im Fernsehen.

 

Von der Gaststätte Allersheimer Tor, in deren Dachgeschoss er eine winzige Wohnung hatte, radelte er gemütlich stadtauswärts, sein kleiner Anhänger, in dem sonst die Stapel mit den Tageszeitungen lagen, hoppelte über die Unebenheiten im Radweg. Die Wurzeln der Alleebäume drückten immer wieder den Asphalt hoch. Mahlmann kannte jeden Riss und jeden Huckel und steuerte sein Fahrrad durch dieses graue Wellenmeer wie ein erfahrender Kapitän. Nach dem Blauen Würfel, wie das Schulzentrum genannt wurde, bog er rechts ab in die Liebigstraße und nach der Baumschule fuhr er links rein, die Heusingerstraße entlang. Das war sein Lieblingsweg: an den Schrebergärten und am Reitstall vorbei, dann  mitten durch die Feldmark mit Blick auf den sanften Bergrücken des Solling, dessen Waldrand von Äckern und einem Truppenübungsgelände der Bundeswehr nach oben gedrängt wurde. Im „grünen Halbjahr“ begann er seine Zeitungstour in der Dr. Jasper-Straße und arbeitete sich über den Grimmenstein bis zur Liebigstraße vor, um dann, wenn er die letzte Zeitung im Kasten der Baumschule versenkt hatte, eben jenen Abstecher durch die Felder zu machen. Die Macht der Gewohnheit zog ihn auch an diesem 1. Mai 2014 zum Briefkasten, bis er merkte, dass er heute gar nichts einzustecken hatte. Mahlmann lachte über diesen Reflex, der ihm wieder mal zeigte, dass ihm Pflichtbewusstsein noch immer über das Vergnügen ging.

 

Bis hin zu den Schrebergärten standen Wahlplakate. Europa-Wahl, Holzminden wählte zusätzlich noch den Bürgermeister, diesmal vielleicht sogar eine Bürgermeisterin. Eine Kanzlerin haben wir schon, eine Landrätin auch, irgendwann ist alles in Weiberhand, dachte er, der eingefleischte Junggeselle. Aber gut, wenn sie es denn besser machten als die Kerle, warum nicht? Im Zuge des Wahlkampfs kündigte ein Plakat promi-nenten Besuch aus Berlin an: ein Spitzenmann der Linken wollte am Tag der Arbeit in Holzminden sprechen. ‚Reden können die alle gut‘, dachte Mahlmann, ‚aber eine richtige Arbeit hat mir das bis heute nicht gebracht‘.

 

Buck - so nannten ihn alle, das spielte auf seinen Sprachfehler an - Buck Mahlmann hatte immer gerne gearbeitet. Viele Jahre lang war er Faktotum in der nahen Brauerei Sollinggold gewesen. Bis die Brauerei vor zehn Jahren den Besitzer gewechselt hatte. Der neue Besitzer brauchte kein Faktotum mehr. Auch niemand sonst in der Gegend brauchte einen ungelernten Fünfzigjährigen, der lispelte, Konsonanten zwischen den Lippen zerquetschte und in Erregung auch noch stotterte. Nur die Tageszeitung hatte Verwendung für ihn. Ein dickes Lob zum Dienstjubiläum: Immer pünktlich gewesen! Nicht einmal krank gewesen in den zehn Jahren, Respekt! In Burkhardts Augen war das Austragen von Zeitungen gar keine richtige Arbeit, es machte ja nicht müde. Aber gebraucht zu werden, war schön. Kein pflichtbewusster Mensch kann ganz ohne Aufgabe und völlig nutzlos in den Tag hineinleben. Da wird einer doch rammdösig bei, oder nicht?

Von Montag bis Sonnabend holte er seinen Stapel direkt beim „Holzmindener Anzeiger“ in der Bülte, warf ihn in seinen Fahrradanhänger und mäanderte - im „grauen Halbjahr“ - von der Liebigstraße über den halben Grimmenstein, Fröbel-straße, Braunschweiger Straße, usw. bis zur Dr. Jasper-Straße. Im „grünen Halbjahr“ aus erwähnten Gründen andersrum.

 

Die Felder hinter der Baumschule und dem Liebigstadion waren noch größtenteils kahl, während drüben unterm Beveraner Burgberg schon die Rapsfelder leuchteten als verfügten sie über eine eigene Lichtquelle. Eine Amsel flog aus dem Gebüsch und flatterte zeternd vor ihm her. Weiter hinten, gut versteckt, antwortete eine Singdrossel viel-stimmig-melodiös. Die unscheinbaren Amseln mit ihrem schlichten Geschrei hüpfen einem immer vor den Augen herum. So wollen die Vögel mögliche Feinde vom nahen Nest weglocken. Ihre begabte Kollegin, die Singdrossel dagegen bekommt man kaum zu Gesicht. Scheues Künstlervolk, das gibt’s also auch bei den Vögeln. Weit oben flog ein Reiher von der Weser her, vermutlich ins Hasselbachtal zum Frühstück. Links, hoch über den Feldern schmetterte eine einsame Lerche ihre Sehnsüchte nach einem Partner in den glasklaren Morgenhimmel - es ist so wenig, was die Lebenden treibt, doch das Wenige ist stark und mächtig: der leere Magen und der volle Sack, sie alleine schreiben uns all die schönen Lieder und Geschichten. Ja, Burkhardt Mahlmann kannte das Leben und deshalb fürchtete er es nicht.

Im Glück nicht jubeln, im Leid nicht klagen,

das Unvermeidliche mit Würde tragen.

Das hatte ihm sein Vater ins Poesiealbum geschrieben. Da war Bucki zehn gewesen. Das hatte er sich gemerkt, bis heute. Das Leben gab ihm wenige Möglichkeiten zu jubeln. Grund zu klagen hatte er keinen. Ein wahrhaft würdevolles Leben führte er.

 

An der Brücke, die den Wirtschaftsweg über die Umgehungs-straße führte, stoppte Buck und stieg vom Rad. ‚Das müsste Wolfgang sehen‘, dachte er, ‚das würde er malen wollen‘. Mahlmann bewunderte die Hobby-Maler der Gegend und besuchte jede Ausstellung des Kunstkreises Holzminden. Die Abstrakten sagten ihm nichts, aber die Landschaftsmalereien liebte er. Buck hätte gerne selber gemalt, allein, ihm fehlte das Talent. Er hatte es versucht - für sich im stillen Kämmer-lein und in Zeichenkursen der Volkshochschule, doch seine groben Pranken gehorchten ihm nicht. Arbeiterpranken eben. Muss man mit leben. Dennoch sah er die schönen Seiten der Welt durchaus mit dem Blick eines Malers und gab den Begabteren gerne Hinweise auf schöne Motive. Was Buck an diesem ersten Mai an dieser Stelle so gefiel, war der Weiß-dornbusch, der seine schneeflockengleichen Blüten in das knallige Gelb des Rapsfeldes auf der anderen Straßenseite hineinstreckte. Er sog den herben Rapsblütenduft ein, den der leichte Ostwind ihm direkt in die Nase trieb. Roch ein bisschen wie Schweißfüße, der Raps, sagte er immer, aber der wunderschöne Anblick tröstete über den Geruch hinweg. Der verschwenderische Frühling trägt eben gerne dick auf. Kurz überlegte Mahlmann, geradeaus weiter zu fahren, entschloss sich aber, wie immer links runter den Radweg zu nehmen, der in einigem Abstand zur Umgehungsstraße durch die Büsche führte. Weiter unten dann der offene Blick zur Brauerei Sollinggold. War über 25 Jahre lang sein zweites Zuhause gewesen, der Laden. Alles hatte er gemacht, ohne zu murren, ohne auf Überstunden zu achten. Leider zählt heute nur noch, was mit dem Rechenstift erfassbar ist. Die gute Seele eines Betriebes erfasst der Rechenstift nicht. Bucks versöhnliches Wesen, das so manchen Streit geschlichtet hatte, erfasste er auch nicht; seinen unerschütterlichen Optimismus, der so manchem Morgenmuffel auf die Sprünge half, erfasste der Rechenstift nicht. Auch nicht seine Hilfsbereitschaft. Und auch das neue kühle Arbeitsklima und die Angst um den Arbeitsplatz, die sich mit dem Führungswechsel einge-schlichen hatten, fanden keinen Eingang in die Zahlen-kolonnen. Nur die Abfindung, die man ihm als Trostpflaster über die Seelenwunde geklebt hatte, die drei Monatsgehälter extra, die fanden sich als soziales Feigenblatt in den Büchern wieder und als Großzügigkeit in den Köpfen der neuen Geschäftsleitung.

 

Über die Jahre hinweg hatte er sich daran gewöhnt, nicht mehr gebraucht zu werden - glaubte er. Es war ein wackeliger Glaube. Ein wenig wie das Ziehen in der Hüfte: wenn man es gerade nicht spürt, glaubt man es überwunden. Nicht gebraucht zu werden, war schon schlimm genug, noch schwieriger aber war es, sich nicht als Schmarotzer zu fühlen. Immer wieder musste er sich von neuem einreden:

- Ich will ja was tun, aber sie lassen mich nicht! Wenn der Staat mir keine Arbeit geben kann, muss er mir wenigstens zu essen geben - sonst muss ich betteln, oder gar stehlen.

Nur so war’s auszuhalten. Er hatte ausreichend zu essen, er hatte ein Dach über dem Kopf und er hatte ein warmes Bett. Brauchte einer mehr? Er nicht! Seine Genügsamkeit und sein jederzeit abrufbarer Arbeitswille bildeten einen Schutzwall, an dem er jeden Tag baute und flickte. So konnte er leben, ja sogar verhalten genießen: den Frühling, die Sonne, die klare Luft, den nach Schweißfüßen riechenden Raps. Noch ein kurzer, wehmütiger Blick hinüber zur Brauerei, dann bog er am Bültekreisel links ab und fuhr zurück in die Stadt. Nach Hause. Frühstücken. An der Bülte-Kreuzung stieg er brav vom Rad, weil er von vorne einen Streifenwagen kommen sah. Dort hatten sie ihn vergangenen Montag erst vom Rad geholt, die Brüder. Ausgerechnet der Warnecke und so ein junger Hilfssheriff, neu in der Stadt. Der hatte ihm unbedingt zeigen müssen, was er schon gelernt hatte:

- Was steht da, bitte?

Und Mahlmann hatte, wie ein Schuljunge, vorlesen müssen:

- R-Radfahrer a-abteigen! I-I-Ich kann lesen, Bolfgang, dag doch was!

Polizeihauptmeister Wolfgang Warnecke hatte nur vieldeutig das Gesicht verzogen, er ließ den Jungen gewähren. Mahlmann hatte noch nachgeschoben:

- W-War doch aber Grün. Und is doch w-weit und breit kein M-Mensch tu sehen, kein Auto, n-nix!

Da hatte der junge Polizist gesagt, man könne die Gesetze nicht nach Tageszeit oder Verkehrsaufkommen variabel auslegen, das führe geradewegs ins Chaos. Nein, man müsse - JEDER - müsse die bestehenden Vorschriften buchstaben-getreu einhalten,

- ...verstehen Sie: buchstabengetreu!

Dabei hatte der junge Polizist genüsslich mit seinem Finger auf das Schild getippt.

 - Die Dinger hängen nicht zum Spaß da! Heute will ich nochmal ein Auge zudrücken, das nächste Mal sind vierzig Euro fällig.

 

Der Staat gibt, der Staat nimmt.

 

- Ich zahle pünfzig, wenn Sie mir eine A-A-Arbeit geben.

Der junge Polizist hatte ihn verständnislos angeglotzt. Das alte Zuständigkeitsproblem: jeder ist der Staat, aber zuständig fühlt sich jeder nur für sich selbst.

 

Und nun sah Burkhardt Mahlmann eben jenen jungen Polizisten aus dem Auto winken, als wolle er ihm sagen: Bitte, geht doch! ‚Wichtigtuer‘, dachte Buck und lächelte betont freundlich zurück. Dabei machte er einen kleinen Schlenker mit dem Rad, der Blick zur Seite und ein gleichzeitiger Stich in der Hüfte verleiteten ihn dazu. Es machte den Eindruck, er sei betrunken. Doch Mahlmann hatte sich schnell wieder im Griff. Am anderen Ende der Kreuzung, wo der Radweg aus Allersheim auf den aus der Liebigstraße stieß, stieg er wieder auf sein Rad und fuhr erwartungsfroh auf sein Frühstück zu. Nun, da der Streifenwagen weg, und sein Respekt vor dem forschen jungen Beamten verflogen war, dachte Mahlmann: ‚Heute hätten sie anhalten müssen, da konnte ich Wolfgang gleich den Tipp geben.‘

Mindestens drei Anregungen Mahlmanns hatte der Hobbymaler Wolfgang Warnecke schon verwertet und auch andere nahmen seine Hinweise dankbar an. Etliche Bilder hatten ihre Existenz nur Bucks geübtem Auge zu verdanken. Also durfte er sich dem Kunstkreis Holzminden durchaus ein wenig zugehörig fühlen.

 

Am Tag der Arbeit öffnete das Back-Drive-In etwas später als gewöhnlich. Keine eiligen Arbeiter, keine gehetzten Paket-zusteller heute, die ihre Frühstückstüte holten, nur einige Frühaufsteher: Hundebesitzer, Jogger, Schlaflose, Genießer, die sich am Feiertag gerne was Frisches gönnten. Das Back-Drive-In war ein Shop der Bäckerei Klingspor, daher das Back- im Namen. Der Laden hatte nach amerikanischem Vorbild ein Fenster, überdacht, an dem man aus dem Auto heraus kaufen konnte. Ein Drive-In also. Buck hatte noch nicht einen Menschen aus dem Auto heraus kaufen sehen, nicht alle amerikanischen Ideen fallen hier auf fruchtbaren Boden. Dagegen witzelten Wortspieler und Spaßvögel mit Englisch-kenntnissen darüber. Back-Drive-In - Fahr hinten rein! Solche Geschichten eben. Buck hatte diese Anspielungen nie so ganz verstanden, die englische Sprache war ihm ebenso fremd wie amerikanische Ideen.

 

An gewöhnlichen Tagen kam Mahlmann immer nachmittags und holte sich die übriggebliebenen Brötchen zum halben Preis. Und meist ließen Maike oder eine ihrer Kolleginnen ein, zwei Brötchen mehr in die Tüte fallen. Besser auf Buckis Tisch als im Mülleimer.

 

Heute, im Hochgefühl des Feiertags leistete Mahlmann sich ein Baguette mit Kochschinken und Salatblättern - und zusätzlich zwei Brötchen für süßen Belag. Maike, die Verkäuferin, legte ihm mit Augenzwinkern noch eine Früh-stücksportion Honig in die Tüte. Buck zwinkerte dankend zurück und sagte:

- Armes Mädchen, bist eine der benigen, die arbeiten müssen, am Tag der Arbeit. Eigentlich müsste er ja Tag der Faulheit heißen, oder nich, hahaha!

Maike kannte Buckis Witze allesamt, lachte höflich und sagte:

- Wenn ich‘s nicht tue, macht‘s eine andere.

- I-Ich bünschte, ich tönnte das auch sagen.

- Komm Bucki, das wird schon, fit und fleißig wie du bist, kriegst du irgendwann wieder ‘n Job.

- Lass tecken, Maike. Mich wollte mit pünfzig schon teiner mehr, nächsten Monat werd‘ ich s-s-sechzig. Dat wird nix mehr.

Aber Maike ließ nicht locker:

- Nur den Kopp nicht hängen lassen, schönen Feiertag wünsch ich dir, Bucki.

 

Recht hatte sie: im Leid nicht klagen...

 

Kurz vorm Allersheimer Tor stieg Mahlmann abermals vom Rad. Die üppige Frau Klages kreuzte mit ihrem dicken, trägen Hund den Weg:

- Morjen, Burkhardt, na, auch am Feiertach schon so früh aus den Federn? Der frühe Vogel fängt den Wurm, was Bucki?

- Ja, Trudel, oder umgekehrt: der frühe Burm fürchtet den Bogel...

- Na du nun wieder mit deinen Spitzfindigkeiten. Was frisch, heute Morgen, oder?

- Bir sind noch bor den Eisheiligen, Trudel, sagte Mahlmann und streichelte den Hund.

- Stimmt schon, aber ich kann gar nicht so schnell zittern, wie ich friere.

Die Klages schüttelte sich. Das Wetter war ihr Lieblings-ersatzthema. Wenn sonst nichts los war, Wetter ging immer. Immer mit denselben Sprüchen. Buck sagte:

- Dat bird nicht so bleiben. Ich hab da so ‘n Ziehen in der Hüfte. Benn’s in der Hüfte zieht, kriegen wir immer ander‘ Wetter.

Die Klages wusste um sein wetterfühliges Gelenk und fragte:

- Und? Wie wird’s?

Damit war seine Hüfte natürlich überfragt, aber wenn es jetzt noch klar und kalt war, musste es, wenn es anders werden wollte, warm und regnerisch werden.

- Wärmer würde mir ja genügen, meinte die Klages.

- Ich tann das Wetter spüren, Trudel, machen tann ich es nicht.

- Man gut,  sagte die Klages, - dass wir das noch nicht können. Was gäb‘ das für ’ne Kappelei! Und lass dir doch endlich ‘ne neue Hüfte machen. Hab ich dir schon gesacht, wie zufrieden unser Alfred mit seiner neuen Hüfte ist?

- Ja, Trudel, hast du. Letzte Boche schon und auch die Boche davor.

- Ja nu, Bucki, ich mein’s ja nur gut. Der Alfred jedenfalls sacht immer: Ich hab jetzt nur noch ein Viertel der Schmerzen.

Burkhardt Mahlmann hatte den Verdacht, dass allein-stehende Männer bevorzugte Opfer weiblicher Fürsorge waren. Trudels Kinder waren längst aus dem Haus und seit ihr Mann vor drei Jahren gestorben war, wusste sie nicht mehr wohin mit ihrem Mutterinstinkt. Ihren Vermieter Alfred Meyer hatte sie so lange bekniet, bis er sich eine neue Hüfte hatte einsetzen lassen und nun sah sie es als ihren Verdienst an, wenn es ihm so sehr viel besser ging. Ihr Lebensziel war der Satz: Was würden wir nur ohne unsre Trudel machen?  Und so war kaum jemand in ihrer Nähe vor ihren guten Ratschlägen sicher.

- Also Bucki, denk an meine Worte!

‚Nicht nur an deine Worte‘, dachte Buck und sagte

- Mach ich, Trudel, ‘n schönen Beiertach noch.

- Von wegen Feiertag, ich muss gleich noch schaffen gehen.

- Hilfst immer noch beim Griechen?

- Ja. ja, man gut, ich kann’s gebrauchen. Sind gute Leute, die Kallikratis‘, da lass ich nichts drauf kommen!

 

Buck schob das Rad über die Straße auf den Hof. Wie immer, wenn sich das Ziehen im Hüftgelenk verstärkte, kippte er seinen Oberköper mit jedem Schritt nach rechts, um Gewicht von der schmerzenden linken Hüfte zu nehmen. Das verlieh ihm einen marionettenhaften Gang. Es gab Holzmindener die behaupteten, an Mahlmanns Wackelgrad das Wetter ablesen zu können.


I - 3

 

  

Pina lief. Harro zog. Pina quälte sich mit letzter Kraft die kleine Anhöhe zur Hafenbrücke hoch. Ihr Herz schlug ums Überleben, ihr Blut schoss in irrem Takt durch ihre Adern, ihr Kopf drohte zu explodieren. Oben angelangt, fehlte ihr die Luft für einen klaren Befehl an den Hund, sie riss heftig an der Leine. Harro winselte und blieb kurz stehen. Pina hielt sich am Geländer der schmalen Hafenbrücke fest und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Der Hund kapierte nicht, er stürmte gleich wieder los.

- Aus, stieß Pina kurz hervor und riss abermals an der Leine.

- Stopp jetzt, ich brauch ’ne Pause!

Endlich verstand der Hund. Mit raushängender Zunge umtänzelte er Pina. Sie äffte ihn nach, streckte ihre Zunge raus, wie um ihm zu zeigen, dass sie erschöpfter war als er. Sie klopfte dem gerade ausgewachsenen, stattlichen Rott-weiler mit der flachen Hand ein paar Mal leicht auf den Kopf. Harro setzte sich und japste kurz. Er kannte ihre Zurück-haltung Tieren gegenüber und freute sich über jede Zuwen-dung von ihr. Pina hielt sich am Geländer fest, atmete tief ein und aus, und ließ ihren Blick schweifen. Auf dem Weser-radweg war trotz Morgenfrühe schon einiges los. Das klare Licht, das Gezwitscher der Vögel, das geradezu explodierende Grün, der Feiertag - all das lockte einige der aktiveren Holzmindener schon zeitig ins Freie. Harro sprang auf, wollte weiter laufen.

- Sitz! Wirst du mich wohl verschnaufen lassen, du Hund.

Harro winselte und setzte sich. Das kräftige, junge Tier hatte Pina zu einem Tempo verführt, das deutlich über ihrer Fitness lag. Erst seit drei Wochen lief sie wieder regelmäßig. Den Winter über geht sie ins Fitness-Studio, aber das regelmäßige Laufen ersetzt ihr der Gerätesport nicht. Sie braucht jedes Jahr etwa vier Wochen, um ihre Ausdauer auf ihren Höchststand zu bringen.

- Sitz! Eine Minute noch du dummes Vieh!

Harro sah Pina mitleidig an und legte sich noch einmal quer über die schmale Hafenbrücke. Sein unterwürfiger Blick schien zu fragen: Na, bist du jetzt mit mir zufrieden?

Pina band die Leine um das Geländer und dehnte und streckte ihre geschundenen Muskeln. Sie atmete kontrolliert und senkte damit die Pulsfrequenz leicht. Vorwurfsvoll schimpfte sie mit Harro:

- Da siehst du, was du angerichtet hast mit deinem Mördertempo! Ich bin völlig aus dem Tritt.

Harro japste eine Entschuldigung.

- Is ja gut, nun komm schon, blöder Hund!

Sie waren kaum gestartet, da riss Pina abermals an der Leine:

- Stopp, Sekunde noch, Harro!

Sie sah einen Mann stadteinwärts über die alte Weserbrücke eilen, der etwas auf der Schulter trug, was auf den ersten Blick wie ein Nivelliergerät aussah, wie es Bauarbeiter verwendeten. Bei näherem Hinsehen erkannte Pina ein Stativ mit Fotokamera quer über der Schulter des Mannes. Pina zuckte zusammen. Es war der Gang dieses Menschen, der sie so elektrisierte. Ein Gang, den man wohlwollend als federnd bezeichnen konnte, besser aber traf es der Ausdruck knieweich. Dieser knieweiche Gang war eine Mischung aus purer Kraft und latenter Angst. So gehen Tiere, wenn sie Gefahr wittern: angespannt, jederzeit bereit zu fliehen - oder anzugreifen. So gehen Menschen, die jederzeit bereit sein wollen, die Richtung zu ändern.

 

War das möglich?

 

Gar nicht lange her, es muss Mitte Dezember gewesen sein, da war Theo bei ihr in der Praxis gewesen. Irgendwann über vierzig kommen sie alle. Auch Theo Blume brauchte eine Lesebrille. So nebenbei fragte sie, wo Odo schließlich gelandet sei.

- Zugvögel landen nie so richtig, hatte Theo geantwortet, - Zugvögel wie er sind immer nur auf der Durchreise. Er war wohl jahrelang in Köln und soviel ich weiß, lebt er jetzt in Berlin. In der rastlosen Großstadt sind ruhelose Typen wie mein Bruder am besten aufgehoben.

Kontakt?

- Ne, Kontakt haben wir leider keinen. Er war nicht mal bei Vaters Beerdigung. Der schreibt bestenfalls der Mutter, wenn er mal wieder den Wohnsitz wechselt, jedes Jahr eine Weihnachtskarte und wenn er gerade mal dran denkt, Glück-wünsche zu ihrem Geburtstag, mehr kommt da leider nicht aus dieser Richtung, du kennst ihn ja!

 

Ja, sie kannte ihn. Und deshalb war sie fast sicher, dass es Odo  Blume war, der da über die Brücke eilte; dessen Anblick an ihrem Selbstverständnis rüttelte und das unsichere Mädchen in ihr wieder wachrief.

- Langsam Harro, Augenblick, ich kann noch nicht...

Sie hielt das Tier am Halsband fest. Harro schüttelte erfreut den Kopf, er freute sich über jedes bisschen Nähe der scheuen Frau. Erst als Odo hinter dem Alten Fährhaus verschwand, lief Pina los. Harro sprang freudig auf, sein Bewegungsdrang war unstillbar.

Sie mussten an der Hafenbar vorbeilaufen, den Fußweg unter der alten Brücke durch und nach dem Altenheim die Weserstraße hoch, weil das Gelände um die ehemalige Jugendherberge, die gerade zum Hotel umgebaut wurde, vorübergehend gesperrt war. Das künftige Weserhotel Sanders umgab ein hoher Bauzaun. Laut Plan sollte es schon seit einem Monat Fahrradtouristen und Biker, aber auch Geschäftsleute beherbergen, aber heutzutage wird ja keine Baustelle mehr pünktlich fertig. In Berlin nicht und in Holzminden auch nicht. Der ursprünglich nicht vorgesehene Anbau verzögerte den vorgesehenen Eröffnungstermin. Doch es ginge zügig voran und schon bald wären der Weserradweg und die Stadt Holzminden um eine Attraktion reicher. So hatte es neulich im Holzmindener Anzeiger gestanden.  Am Bauzaun stand immer noch das Wunschdatum: 30. März! Am selben Bauzaun hingen noch andere, schwer haltbare Versprechen. Politiker warben im Rahmen ihrer Physio-gnomien um das Vertrauen der Wähler:

 Aus Deutschland für Europa

Gemeinsam gestalten, gemeinsam mehr erreichen

‚Irgendwie arme Schweine, die Politiker‘ dachte Pina, ‚von allen Märkten ist der Markt des Vertrauens der schwierigste geworden‘.

 

Obwohl sie kontrolliert atmete, stach jeder Schritt in der Lunge, da war kein Atemzug mehr übrig für einen Befehl an den Hund. Pina riss nur an der Leine, so merkte Harro, wenn er wieder zu schnell geworden war. Schon die geringe Steigung der Weserstraße brachte sie abermals an den Rand der Erschöpfung. Mit brennenden Oberschenkeln und Waden am Rande des Krampfes bog sie beim Weinladen um die Ecke und schleppte sich mehr gehend als laufend Richtung Johannismarkt. Als Pina auf Höhe von Mode Stratmann in die Obere Straße eintauchte, kam sie beinah zu Fall: nicht vor Erschöpfung, sondern vor Schreck! Schräg gegenüber, zwischen Optik Quest und Second-Hand-Laden hatte der Fotograf sein Stativ aufgepflanzt und die Kamera auf das Haus gerichtet, in dem sie ihre Praxis hatte. Odo - nun hatte sie keine Zweifel mehr, dass es sich um Odo Blume handelte - schaute durch den Sucher und justierte sein Arbeitsgerät. Er schien die strauchelnde Pina nicht wahrzunehmen. Sie konnte einen Sturz mit letzter Kraft vermeiden. Dann fuhr eine Polizeistreife im Schritttempo an ihr vorbei und der junge Beamte fragte sie durch das offene Fenster, ob sie Hilfe brauche. Pina winkte mit einen knappen Bewegung ab, presse ein kurzes „Danke, nein“  zwischen den Lippen hervor. Der Polizist grinste unverschämt. Hatte der gerade „schöne Frau“ gesagt? Der wollte sie doch nicht anflirten, dieses halbe Kind? Wie froh sie war, endlich um die Hausecke verschwunden zu sein, sie wusste nicht warum, aber ein Zusammentreffen mit Odo hätte ihr im Augenblick jedenfalls nicht gut getan.

 

Hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt? Oh nein, das hat die Vergangenheit gar nicht nötig, sie ist  ja immer ganz bei uns; sie taucht ab und manchmal taucht sie auf, blitzschnell, wie ein Krokodil. Taumelnd wie eine Antilope, die sich dem Zugriff des Krokodils gerade noch einmal entziehen konnte, lief Pina weiter über den Parkplatz am Johannismarkt. Auch der grinsende Polizist fuhr nicht mehr länger neben ihr her, er bog rechts ab. Nur Harro zog und zwang ihr schon wieder ein zu hohes Tempo auf. Irgendeiner zieht immer am eigenen Leben. Ganz mit ihrem emotionalen Straucheln beschäftigt, griff ihr Körper auf versteckte Reserven zurück, Pina ließ ihre Füße kraftsparend abrollen und traf eine Schrittfrequenz, die mit dem Atem einigermaßen synchron lief. So konnte sie es, auch wenn ihr durch Überanstrengung ein wenig übel wurde, laufend schaffen bis zum Elternhaus in der Straße mit dem frühlingshaften Namen Vogelsang. Harro sprang freudig neben ihr her.

Als Pina das Gartentor zum Grundstück ihrer Eltern öffnete, hatte sie so ziemlich alle Reserven verbraucht, ihr war mittlerweile speiübel und es war, als hätte sie Glassplitter im Rachen. Sie atmete ganz langsam ein und noch langsamer wieder aus, um die Glassplitter nicht zu bewegen - und um sich nicht zu übergeben. Mit beiden Händen zog sie das Tor zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Harro jagte schon wie ein Wilder über den Rasen, die Leine hinter sich her schleifend. In Pinas Kopf tobte ein Presslufthammer. Langsam glitt ihr Rücken am Gartentor abwärts, bis sie in der Einfahrt kauerte wie das berühmte Häufchen Elend. Nie wieder mit diesem Köter, dachte sie, obwohl sie wusste, dass es am Hund alleine nicht lag. Harro pinkelte auf die Maiglöckchen, die ihre Mutter zwischen zwei Rhododendronbüschen gepflanzt hatte. Jetzt wurde ihr klar, dass ihre Übelkeit nicht ihrer mangelnden Fitness geschuldet war: der markante Geruch der Convallaria majalis war es, der heute wie eine Käseglocke über der Stadt lag. Wie konnten so hübsche Blümchen einen so widerlichen Geruch verströmen. Alles an dieser Pflanze war giftig. Und wozu um alles in der Welt konnte man diesen Geruch gebrauchen? Und dann in solchen Mengen, dass die ganze Stadt beinah daran erstickte?

 

Eberhard Seiler lachte:

- Armes Kind, hat er dich so fertig gemacht? Harro ist noch ein junges Tier, dem musst du zeigen, wer der Chef ist!

 

Pinas Eltern hatten sie gebeten, den Hund mitzunehmen. Sie selbst waren dem Kraftprotz kaum noch gewachsen. Als Beschützer des Grundstücks hielten sie ihn jedoch für unverzichtbar. Pinas Bruder Bernd, der sonst dem Köter seinen Auslauf verschaffte, war gerade für Dreharbeiten auf der Insel Poel. Sein erstes Engagement seit einem halben Jahr.

Pina pfiff immer noch aus dem letzten Loch.

- Morgen laufe ich wieder alleine, hauchte sie matt.

- Wo er doch so an dir hängt, sagte ihr Vater.

Pina tat, als schmeichele ihr das, in Wahrheit berührte sie die Zuneigung des Tieres kaum. Die unterwürfige Bindung, zu der Hunde fähig sind, war ihr eher unheimlich.

- Unsere Paulina ist eben auch nicht mehr die Jüngste, sagte Liselotte Seiler mit spitzem Mund.

Pina überhörte die schlecht versteckte Botschaft geflis-sentlich. Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit aus, die Tochter darauf hinzuweisen, dass ihre fruchtbare Phase nicht ewig dauern würde. Ähnlich wie Trudel Klages platzte auch Liselotte Seiler vor Fürsorgedrang! Aber im Gegensatz zu Trudels einfachem Mutterinstinkt, der sich wie Mehltau über alles und jeden legte, hatte Lilos Eifer ein klares Ziel vor Augen: Enkelkinder! Ihr Eberhard beanspruchte viel zu wenig von ihren Qualitäten. Das Haus? Der Garten?  Der Heimat- und Geschichtsverein? Ach Gottchen, wer einmal Verant-wortung für ein Geschäft gehabt hatte, ist mit sowas nicht ausgefüllt! Allein Enkelkinder würden ihre überschüssige Kraft angemessen beanspruchen, davon war sie überzeugt. Dass man ihr das biologische Recht auf die Großmutterschaft verweigerte, machte sie traurig, aber dass man ihr nicht sagte, warum, verbitterte sie geradezu. War sie nicht die Mutter ihrer Kinder? Konnten die nicht immer über alles mit ihr reden? Na also. Aber in diesem Punkt schwiegen sie sich aus, alle beide! Bernd hatte sie längst durchschaut, der hatte fast nur Männerbekanntschaften. Der Sohn war, nun ja, sagen wir es ruhig - vermutlich homosexuell! Ist ja kein Beinbruch mehr, heute. Warum er nicht darüber sprach? Nun, der öffentlichen Toleranz misstraute er aus beruflichen Gründen und seinen Eltern gegenüber schämte er sich offenbar. Als Schauspieler konnte er sich ein Outing nicht leisten. Jeder Hetero kann einen Schwulen spielen und bekommt dafür Applaus, einem Schwulen jedoch nimmt man keine Hetero-Rolle mehr ab, das ist leider so. Außerdem machte er sich die Karriere mit seinem Anspruchsdenken schon schwer genug, er spielte nur, was ihn überzeugte. Bernd hatte also Gründe genug, zu schweigen. Aber Paulina? Ihre sonst so vernünftige Paulina? Die schob immer nur ihren Beruf vor, ihre Verant-wortung. Doch dafür hat sie ihre Eltern, oder nicht? Dafür genau hat sie ihre Mutter, damit die sich um die Kinder kümmert, während sie in aller Ruhe ihrem Job nachgehen kann!

Warum, Kind, warum verweigerst du mir dieses kleine große Glück?

Diese als Frage getarnte Klage schimmerte aus jedem Blick, der auf ihre Tochter gerichtet war. Pina wich diesen Blicken aus, wo sie nur konnte.

 

- Weil heute Feiertag ist!

Mit diesen Worten stellte Liselotte Seiler das Fürstenberger Edel-Porzellan auf den Frühstückstisch.

- Wenn unser Paulinchen mit uns frühstückt, ist immer Feiertag, meinte Vater Eberhard.

- Danke Papa!

Liselotte hatte schon auf den Lippen, womit Pina ihr den größten aller Feiertage bereiten würde, fürchtete aber, mit einer weiteren Anspielung die Laune ihrer Tochter noch mehr zu gefährden.

 

*

 

- Ich möchte Sie bitten, in meiner Praxis einzusteigen, erst als Partnerin, um sie später ganz zu übernehmen. Mit meinen sechzig Jahren muss ich langsam meine Nachfolge regeln. Einfach zumachen kann ich nicht, Holzminden braucht einen Augenarzt. Und wer wäre besser geeignet als Sie, Paulina! Sie genießen in der Klinik einen hervorragenden Ruf und sind im idealen Alter, selbst Verantwortung zu übernehmen: für sich, für die Patienten, für unsere Stadt. Hier, sehen Sie...

Dr. Roggenkamp hob einen Stapel mit Zeitungsausschnitten hoch:

- Hier, sehen Sie mal: Landflucht; Demografischer Faktor; drohende Gebietsreform; Zusammenlegung der Landkreise; ausblutende Innenstädte usw. Gegen diesen Trend können Sie ganz konkret etwas tun, indem Sie dafür sorgen, dass unsere kleine Stadt langfristig augenärztlich versorgt ist...

 

Dieses Gespräch hatte vor drei Jahren stattgefunden. Drei Wochen hatte Pina hin- und herüberlegt: Ich fühle mich wohl in Hannover, hab einen tollen Job, eine schöne Wohnung, einen netten Freundeskreis und vor allem - Freiheit!

 

Sie meinte die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ohne sie vor der Familie oder sonst jemand rechtfertigen, oder zumindest begründen zu müssen. Sie war glücklich, ihr Leben nach eigenen Wünschen gestalten zu können. Wofür sollte sie das alles wieder aufgeben?

 

Dr. Roggenkamp hatte sie mit seiner Milde und Würde einge-nommen, hatte ihr zu verstehen gegeben, dass gerade die Elite der Gesellschaft für mehr als nur für sich selbst ver-antwortlich ist:

- Wofür sind wir schließlich Ärzte geworden?

Und auch den wunden Punkt wusste Dr. Roggenkamp zu mildern:

- Wer spricht denn von ‚Aufgeben‘? Was geben Sie denn auf? Ihre Freunde sind bloß eine Autostunde entfernt. Und wer hindert sie daran, in Holzminden ihre Freiheit zu pflegen, wer nimmt ihnen hier ihre Souveränität? So wie Sie ihre fachliche Kompetenz und Erfahrung mitbringen, bringen Sie doch auch ihre persönliche Entwicklung mit nach Hause.

Was hätte sie dagegen noch sagen sollen?

- Bitte geben Sie mir noch ein wenig Zeit, ja?

- Wenn es eine Frage des Angebots ist, Frau Kollegin, darüber können wir reden...

- O nein Doktor, bitte, um Geld geht es dabei nicht, ihr Angebot ist geradezu unwiderstehlich. Aber bitte geben Sie mir noch eine Weile.

Im Juli 2011 schraubte Pina vor Augen des Lokalreporters vom Holzmindener Anzeiger das neue Schild an die Tür:

 

 

Dr. Th. Roggenkamp, Dr. P. Sagebiel, Augenärzte.


I - 4

  

 

Polizeihauptmeister Wolfgang Warnecke und  Polizeimeister-Anwärter Denis Blaschke übernahmen den Dienst von den Kollegen nach einer vergleichsweise ruhigen Nacht. Eine kleine Prügelei beim Tanz in den Mai in Golmbach, ein umgesägter Maibaum in Silberborn, ein besoffener Mopedfahrer, der in Mühlenberg gegen einen Zaun bretterte, sieben Blutproben, zwei kassierte Führerscheine. Denis Blaschke sah gähnend auf den Bericht der Kollegen. Er war noch in der Ausbildung. Er kam aus Hannover und blickte, wie alle Hauptstädter dieser Welt, sehr von oben auf die Provinz herab. Bei einem Spaßvogel wie ihm äußerte sich das manchmal in platten Sprüchen:

- Holzminden ist halb so groß wie der New Yorker Friedhof, aber doppelt so tot.

- Warst du schon mal in New York, fragte Warnecke.

- Nö!

- Ich war dort, mehrmals. Gegen New York ist selbst Hannover noch ein Dorf, verstehst du?

 

Blaschke verstand sofort.  Polizeihauptmeister Warnecke, der älter war als Blaschkes Vater, siezte ihn normalerweise; um dem Jungen zu zeigen, dass er ihn als Mensch und als Kollegen für voll nahm. Nur wenn Blaschke seine Scherze zu weit trieb oder sich sonst irgendwie unreif zeigte, gab Warnecke ihm einen kleinen Hinweis, wie viel er noch zu lernen hatte.

- Verstehst du?

Sie fuhren aus der Stadt auf die Bültekreuzung zu. Blaschke sah Burkhardt Mahlmann schon von weitem:

- Da ist wieder der Idiot von neulich, trägt der auch heute am Feiertag Zeitungen aus?

Warnecke:

- Mahlmann ist kein Idiot, er ist ein Original.

Blaschke:

- Original Holzminden, klar, hehehe, ne, sorry Chef, ich meine, was genau ist der Unterschied zwischen Idiot und Original?

Nun war Warnecke in Verlegenheit: Wie erklärt man etwas völlig Selbstverständliches? Normalerweise erklärte er logisch-semantisch. Er hatte Abitur und noch einige Lateinkenntnisse auf Lager. Mit der Erklärung, original heißt ursprünglich, hätte er Blaschkes Unsinn noch untermauert. Er druckste herum:

- Blaschke, so können auch nur Sie fragen. Ein Original ist jemand, der so handelt, wie er gerade denkt, egal, was andere davon halten. Gerade heraus, weil er nicht anders kann. Ursprünglich eben, nicht verdorben. Logisch, dass man unter schlichten Gemütern mehr Originale findet, weil sie nicht mit übermäßigen Zweifeln belastet sind. Aber im Unterschied zu Idioten haben Originale meist eine schlichte, aber glasklare Philosophie. Und im Unterschied zu Idioten sind Originale nicht aggressiv, verstehst du?

- Wieder was gelernt, Chef,  grinste Blaschke und grüßte das Original, das sein Rad brav über die Kreuzung schob. So gesehen waren ihm die Idioten fast lieber. Von den Originalen hatte er nur langweilige Arbeitstage in einer langweiligen Gegend zu erwarten.

Normalerweise hätte Warnecke es dabei bewenden lassen, aber etwas in ihm erklärte weiter:

- Burkhardt Mahlmann redet gerne und viel, und gerne auch in Rätseln. Ja, er ist manchmal schwer zu verstehen. Nicht bloß seines Sprachfehlers wegen, sondern weil er verschweigt.

Blaschke warf Warnecke einen fragenden Blick zu.

- Nun, er kann sich nicht so gut in sein Gegenüber hinein-versetzen. So setzt er schon mal voraus, dass man weiß, was er gerade gedacht hat. Aber dass er sich was gedacht hat, da kann man sicher sein. Mahlmann kennt alle und alle kennen ihn. Er ist immer bestens informiert, so eine Art Busch-trommel.

- Ein Klatschweib also...

- Oh nein, kein Klatschweib, bestimmt nicht! Er bauscht ja nicht auf und er verunglimpft nicht. Für mich jedenfalls sagt dieser schlichte Mensch mehr über die Stadt aus als die alberne Nase auf dem Haarmannplatz.

- Och, meinte Blaschke, - ich finde die Steinnase ganz witzig. Die Stadt der Düfte müsste die Nase ins Wappen zeichnen, das wär lustig. Ist ja schwer genug in dem Kaff, was Eigenes zu finden.

- Ja schon, sagte Warnecke, - die Gerüche gehören irgendwie zur Stadt, auch wenn ich gerade den Maiglöckchenblues kriege. Manche Düfte machen mich einfach fertig. Nö, ich finde bloß nicht gut, wenn man das Image einer Stadt mit einer Firma verknüpft. Wenn die irgendwann sagen, wir produzieren künftig in Hamburg, weil da die Wege kürzer sind, oder in Rumänien, weil es dort billiger ist, dann hängen wir hier mit unserem Image. Eine NASE! Nasenstadt Holzminden, ich bitte Sie! Außerdem stellen die Duft- und Geschmacksstoffe her, also wo ist die Zunge? Ein Fremder, der den Riechkolben in Stein sieht, braucht eine Erklärung. Wenn schon Symbole, dann solche, die sich selbst erklären. Ein Parfümflacon vielleicht und eine Vanilleblüte mit Schote. Damit hat schließlich alles angefangen, dass Haarmann Vanillegeschmack auf synthetische Weise herstellen konnte.

- Nicht schlecht, meinte Blaschke, - Sie sollten in den Stadtrat gehen, Chef! Und die Nase nehmen dann wir Bullen als Symbol für unseren guten Riecher, hehehe!


I - 5

 

  

Fotini Kallikratis schälte gemeinsam mit ihrer Küchenhilfe Zwiebeln, während ihr Mann Lefteris seinen Großen Alexander polierte. Das war, man muss es sagen, seine Lieblingsarbeit. Lefteris Kallikratis war nämlich Sfakier und Hellene in einer Person, ja doch, das geht zusammen. Denn - waren es nicht die Sfakier, die einen beträchtlichen Anteil daran hatten, das Joch der Türken abzuwerfen? Na also! Ohne Sfakier kein unabhängiges Griechenland, ohne Sfakier kein modernes Hellas.

 

Ein Sfakier verlässt nur äußerst ungern den Schutz der Schluchten in den Lefka Ori, den weißen Bergen seiner Heimat Kreta. Selbst seine Hauptstadt Athen ist dem Sfakier aus der Ferne lieber. Wenn nun so ein Sfakier im noch viel ferneren Holzminden ein Restaurant betreibt, ist das mehr als außergewöhnlich - und zum Großteil seiner Frau Fotini zu verdanken.

 

Fotini war keine Sfakierin, sie war nur eine gewöhnliche Frau aus Kreta. Manchmal holen sich die Sfakier zur Blut-auffrischung Mädels von außerhalb in ihre zerklüfteten Lefka Ori. Fotini hatte rasch gemerkt: sein Stolz ernährt mühelos die sfakische Männerseele, aber um eine Familie zu ernähren bedurfte es der praktischen Veranlagung einer Frau von der Küste. Fotini war aus Rethymnon gebürtig. Die Fischer von Rethymnon waren seit jeher tiefer in der Realität verankert als die stolzen Sfakier oben in der dünnen Luft der Weißen Berge.

 

Fotini wollte ein besseres Leben und stellte Lefteris vor die Wahl: alleine bleiben oder mitkommen - Liebeskummer oder Heimweh! Lefteris entschied sich für Heimweh - das passte besser zu seinem leidenden Patriotismus. Wie Liebeskummer sich auswirken könnte, das wollte er nicht ausprobieren. Und so folgte Lefteris seiner Frau nach Deutschland. Erst nach Hannover, wo sie in einer Reifenfabrik schufteten und für ihren gemeinsamen Traum sparten: eine eigene Taverne in Rethymnon oder in Agia Roumeli!

 

Nach einigen trostlosen Jahren in der Reifenfabrik erfuhren sie von einem Landsmann, dessen Bekannter suche einen Nachfolger für sein Restaurant in Holzminden.

- Holzminden?

 

Der Landsmann fuhr sie hin. Er wusste von Lefteris‘ Heimat-verbundenheit und machte einen kleinen Umweg. Bei Brunkensen führte die Straße durch eine kleine Schlucht, die bei Lefteris großes Heimweh auslöste, das Wasser stand ihm in den Augen. Tränenwürgend fragte er:

- Ist das noch Deutschland?

- Sigoura, alles noch Deutschland, mein Freund!

Das sanfte Auf und Ab im Leine- und Weserbergland durch lindgrüne Wälder, die Felsen am Südhang des Ith - das war alles noch kein Vergleich mit seinen Lefka Ori, erinnerte aber schon ein bisschen an die Kastanienwälder bei Chania -

- Alles noch Deutschland?

- Ne sigoura, alles noch Deutschland.

 

Wie schön Deutschland sein konnte, wenn man mehr kannte als nur Hannover und den Weg nach Langenhagen zum Flughafen, mehr als die staubige Fabrik und die enge Wohnung. Später dann der Blick von Amelungsborn hinunter ins Forstbachtal - schimmerte da nicht ein wenig die Askifou-Hochebene durch? Lefteris ging das Herz auf. Das alles hatte er versäumt in all den Jahren! Wohlweißlich, muss man sagen, denn Deutschland sollte ihnen gar nicht heimelig werden. Deutschland war ein Ort, um das Geld für ihren Traum zu verdienen, mehr nicht. Und nun, da er diese Schönheit sah? Zwar, alle Vergleiche blieben bemüht und doch geriet sein gepflegtes, ja kultiviertes Heimweh ins Wanken - noch ehe sie Holzmindens Altstadt erreicht hatten, begann er, sich wohl zu fühlen.

 

Schließlich gingen sie die Halbmondstraße entlang auf den Holzmindener Marktplatz zu. Vor Staunen oder auch vor Aufregung stolperte Lefteris über einen bronzenen Kartoffelsack und entschuldigte sich beim bronzenen Ackerbürger, der unbeweglich und ungerührt seinen Krug füllte. Fotini sah ihren Mann verwundert an. Lefteris ließ seinen Blick über den Platz schweifen: Cafés, Restaurants, die ihre Stühle und Tische in den Schatten der Bäume gestellt hatten, Gäste, die das Leben und die Sonne genossen - wer, verdammt, hatte den Süden in den Norden geholt? War das noch...?

- Sigoura, Lefteris, alles noch Deutschland!

 

Sie verließen den Marktplatz, bogen einmal um die Ecke und gingen auf die Taverne Mykonos zu. Manolo, der Pächter, erwartete sie schon. Sie setzen sich an einen der freien Tische und tranken zur Begrüßung einen Retsina. Manolo erzählte, er lebe mit seiner Frau Petrulla in Scheidung und wolle mit Soula, seiner neuen Flamme, im nahen Höxter ein neues Leben beginnen. Nun suchte er jemanden, der ihm seinen Pachtvertrag erfüllte und möglichst auch seine Einrichtung übernahm. Nach zwei Gläsern Retsina und einem vor-züglichen Lammkotelett hätte Lefteris alles unterschrieben. Im Vergleich zur Schufterei im Reifenwerk war das ein Paradies! Zum Glück war Fotini mit dabei, die sich um die Fakten kümmerte. Sie ließ sie die Räumlichkeiten und die Bücher zeigen, fragte nach Auslastung und Einkaufsmög-lichkeiten und handelte noch einen guten Vertrag aus. Man muss sagen - auch Manolo hätte so gut wie alles unter-schrieben, auch er war ein Träumer und mit seinen Gedanken schon in der Zukunft mit seiner Soula. So unterzeichneten sie noch am selben Abend einen Vertrag und fuhren nach Hannover zurück, nur noch um  ihre Jobs im Reifenwerk zu kündigen und ihren Umzug zu organisieren.

 

Das war fast sechs Jahre her.

 

In diesen sechs Holzmindener Jahren lernte Lefteris besser Deutsch als in seinen zwölf Jahren in Hannover. Auch Fotini blühte auf: aus der grauen Fabrikmaus war wieder die energische Griechin geworden, die mit ihrem gewinnenden Lachen die Leute für sich einnahm. Und sie verdienten mehr Geld, als in ihrem gesamten bisherigen Leben.

Doch vor den Erfolg haben auch die griechischen Götter den Schweiß gesetzt - Deutschland hatte eben nicht nur wunderschöne Landschaften, sondern auch wunderbare Gesetze. Diese dunkle Seite Deutschlands, die Vorschriften und Formulare, raubten Lefteris den Verstand. Fotinis Verstand war glücklicherweise weniger diebstahlgefährdet. Mit unerschöpflicher Geduld und mit Hilfe ihrer Tochter bewältigte sie die Berge von Papier.

Lefteris kümmerte sich um die harten Fakten wie Technik und Personal, er knüpfte Kontakte - weit über die geschäftliche Notwendigkeit hinaus. Familie Kallikratis integrierte sich vorbildlich. Lefteris fühlte sich wohl in Deutschland und heimisch in Holzminden. Selbstredend war es auch für Fotini schöner, die Gäste mit griechischen Leckereien zu ver-wöhnen, als in der Reifenbude stinkende Gummireste zu entsorgen. Und wenn sie ihre Einkünfte von damals und heute verglich, seufzte sie glücklich. Besonders am Anfang klingelte die Kasse. Das war normal, da hatte auch der Vorbesitzer drauf hingewiesen: Wenn in einer Kleinstadt etwas Neues aufmacht, strömen erst mal alle hin. Die Familie Kallikratis bemühte sich, möglichst viele von den Neugierigen zum Wiederkommen zu animieren. Was ihnen gut, ja, sehr gut gelang.

Fotini bot nur wenige Standardgerichte an, sie variierte den Großteil der Speisekarte nach dem, was sie gerade frisch und günstig kaufen konnte. Und sie ließ sich auf individuelle Kundenwünsche ein. Lefteris war der Fachmann für gute Weine und für gute Konversation. Er war der Mann an der Front zur Kundschaft. Der menschenscheue Sfakier war wie durch ein Wunder zum geselligen Gastwirt mutiert.

 

Wie so viele, die etwas Gegebenes übernehmen, versuchte auch Lefteris, dem Ding seinen eigenen Stempel aufzu-drücken. Der Spielraum dafür war gering. Eine griechische Taverne ist eine griechische Taverne ist eine griechische Taverne - linear, im Quadrat, sowie in der dritten Dimension, und die Wurzel daraus war: eine griechische Taverne! Lefteris fing mit dem Namen an. Mykonos sollte seine Taverne nicht heißen. Er war noch nie auf Mykonos und er hatte nichts Grundsätzliches gegen diese Insel, jedoch hieß jede zweite griechische Taverne in Deutschland Mykonos. Die andere Hälfte hieß entweder Athen oder Naxos. Da konnte man eigene Akzente setzen. Und Lefteris setzte sie hoch an, sehr hoch. Der größte aller Griechen sollte sein Restaurant zieren: Alexander der Große stand in weißen Lettern auf hellblauem Grund der Leuchtreklame, welche die Jungs von Bielke Lichtwerbung über den Eingang geschraubt hatten. Und rechts vom Schriftzug setzte ein stolzer Reiter zum Sprung in eine glorreiche Zukunft an: der große Einiger Griechenlands! Ohne Alexander kein Hellas. Erst Alexander machte aus einem Sfakier einen Griechen. Ohne Alexander würden sich Athener, Spartaner, Thessalier und die anderen heute noch gegenseitig die Köpfe einschlagen. Nicht Karl der Große, Alexander der Große hat die Grundlagen für das heutige Europa geschaffen, so sieht’s doch aus! Dank Alexander konnte Lefteris Kallikratis, der sfakische Grieche heute Holzmindener sein, ohne Deutscher sein zu müssen. Deutscher konnte und wollte er nicht werden, aber Holzmindener war er mit Leib und Seele. Fotini dagegen war nur eine Köchin, immerhin eine begnadete Köchin, die überglücklich war, wenn sie nach dem Mahl mit dem Tablett voller Ouzos an den Tisch kam, um sich von den Gästen ihr hochverdientes Lob abzuholen.

 

Und ihre beiden Kinder? Andrea hatte gerade in Göttingen ihr Studium der Politikwissenschaften begonnen und sah mit Freude der doppelten Staatsbürgerschaft entgegen. Giorgos war zu jung, um über so etwas nachzudenken. In Hannover geboren, zwischen Griechen und Deutschen aufgewachsen, war er überall zu Hause, wo Griechisch oder Deutsch gesprochen wurde. Von den Mitschülern im Campe Gymnasium wurde er manchmal Schorse gerufen, was er doof fand, seine Freunde benutzten die Abkürzung seines Nachnamens: Kalli, was ihm sehr gefiel.

 

Giorgos schlief noch an diesem 1. Mai 2014, während sein Vater die prächtige Skulptur des Alexander mit Hingabe von Staub und Taubendreck befreite. Es machte einen schlechten Eindruck, wenn am Namensgeber des Lokals Spinnweben oder Vogelkacke hafteten. Der Eingang eines Hauses ist seine Visitenkarte. Giorgos schlief viel in letzter Zeit. Er trieb sich oft mit Gleichaltrigen herum. Dagegen hatte Lefteris nichts, Jugend zur Jugend, das musste so sein. Nun hatte Fotini ihm aber gesteckt, dass der Junge die Schule schleifen ließe. Das durfte nicht sein, da musste man natürlich einschreiten, Jugend hin oder her. Damit der Bengel den Ernst des Lebens kapierte, verordneten die Eltern ihm Küchendienst. Da gab es trotz der tüchtigen Küchenhilfe Trudel Klages, weiß Zeus, genug zu tun. Lefteris machte sich dran, Giorgos zu wecken. Er klaubte Tonkügelchen aus den Blumenkübeln und warf sie gegen das Fenster. Wenn ein ambitionierter Vater an einem Feiertag seinen pubertierenden Sohn aus den Federn holen will, liegt Ärger in der Luft.



I - 6

 

  

Von einem gesunden Schlaf, wie Giorgos Kallikratis ihn schlief, kann David Grollitsch nur träumen. Er wirft sich von einer Seite auf die andere, mit einem Auge schielt er auf den Wecker: Erst zehn nach sieben. Das liebliche Vogelge-zwitscher vorm Fenster ist ihm heute nur nerviger Krach. Es hat sich nämlich Besuch angesagt, hoher Besuch aus Bad Nenndorf und Northeim. Die Kollegen haben versprochen, der Bewegung in Holzminden ein bisschen unter die Arme zu greifen. David Grollitsch weiß mit seinen 21 Jahren schon sehr genau was er will! Er weiß bloß noch nicht so recht, wie sich seine Visionen am besten umsetzen lassen. Die meisten seines Alters wollen ein besseres Leben, Grollitsch will eine bessere Welt. Das heißt, erst einmal ein besseres Deutschland. Man kann den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun, soviel weiß er schon.

 

Die Bewegung Deutschland 45 tut sich schwer in der Stadt - das kleine Holzminden ist kaum zu begeistern für große Ideen. Das liegt vermutlich an den Fremden, an den viel zu vielen Fremden! Da sind die Türken, die ganze Häuserblöcke bevölkern und die Innenstadt unsicher machen. Da sind die Russlanddeutschen, von denen viele gar keine richtigen Deutschen sind. Und unverständlicherweise sind selbst die Volksdeutschen unter den Russendeutschen kaum zu gewinnen für die nationale Sache. Und dann gibt es die vielen Großkotze in Stadt und Kreis, welche die international aktiven Unternehmen hier einschleppen: Engländer, Franzosen, Amis, und vor allem Latinos. Die blasen sich auf, die zählen sich zur Elite. Das verführt die kleine Stadt, sich weltoffen und tolerant zu geben, was in Wahrheit nichts anderes ist, als eine Mischung aus Selbstverleugnung und Größenwahn. All diese Fremdeinflüsse schaffen ein ungesundes Klima, eine Atmosphäre, die den deutschen Geist beleidigt und die deutsche Seele verletzt. Das muss man nicht hinnehmen. Das darf man nicht hinnehmen! Dagegen muss die Bewegung vorgehen, davon ist David Grollitsch überzeugt.

 

Die Bewegung Deutschland 45 strebt ein Deutschland in den Grenzen von 1945 an. Vor Kriegsende, versteht sich: mit Ostpreußen und Pommern, mit dem Elsass und dem Sudetenland, vor allem aber mit Österreich und Südtirol. Langfristig könnte man auch die deutschsprachige Schweiz ins Auge fassen. Deutsche Zunge - Deutsches Reich! Das vierte - und das muss endlich gelingen. Ja, so könnte die Zukunft aussehen. David Grollitsch ist Gründer der Bewegung und sehr stolz auf sein Werk. Das muss man sich erst mal vorstellen: Da gründet einer im Alter von nur 20 Jahren eine Bewegung, die das Zeug hat, die Welt umzukrempeln, darauf darf einer doch stolz sein, oder nicht? Zugegeben, selbst nach einem Jahr ist man noch ganz am Anfang, ja, man tritt ein wenig auf der Stelle. Die meisten der Gleichaltrigen sind entweder apolitische Hedonisten, die nur ihren eigenen Vorteil suchen und die anderen, die Abgehängten, die Verlierer, die flüchten in den Alkohol und nehmen den Betrug an ihnen einfach als Schicksal hin. Warum ist es so schwer, diese Leute zum Kampf für ihre eigenen Interessen zu gewinnen? Kann ihm das mal einer sagen? Ja, und die Älteren lassen sich ungern von einem 21-Jährigen überzeugen, die tun immer so erfahren, dabei weiß er selbst in seinem Alter schon viel mehr vom Leben. Und dann ist es immer noch groß in Mode, alles Nationale mit spitzen Fingern anzufassen. Stolz, ein Deutscher zu sein? Igittigitt, das geht ja gar nicht! Wir müssen uns ja immer noch schämen! Ja, wofür denn? Und wie lange noch? Irving hat doch bewiesen, dass der Juden-mord eine miese Verleumdung war. Und Kriege haben andere auch geführt. Wir Deutschen sind so gut wie alle anderen auch. Mindestens! Warum sind selbst so einfache Wahrheiten so schwer zu etablieren? Immerhin hat die Bewegung nach einem Jahr schon 15 aktive Mitglieder gewinnen können und vielleicht noch einmal so viele Sympathisanten. Aber das reicht nicht, um etwas zu bewirken.

 

Desto erfreulicher ist es, dass die viel besser organisierten Northeimer und auch die Bad Nenndorfer sofort auf seinen Hilferuf reagiert haben. Heute will man mit ihm, das heißt, mit der Bewegung 45 das Potential des Landkreises Holz-minden eruieren und ihm beim Aufbau einer schlagkräftigen Organisation helfen. Die haben nicht nur reichlich Erfahrung, wie man mit gezielten Aktionen die öffentliche Aufmerk-samkeit erreicht, die haben auch politische Erfahrung. Angekündigt haben sich nämlich keine Geringeren als: Holger Kirsch, der in Bad Nenndorf jährlich die Wincklerbad- Gedenkmärsche organisiert, sowie Tobias Fraise, der mit vier Mann seiner Leibstandarte aus Northeim anrücken wollte. Fraise ist ein politisches Schwergewicht: der war im Landesvorstand Niedersachsen der Nationaldeutschen Volks-partei, sitzt jetzt im Bundesvorstand und leitet dort das Referat Freie Kameradschaften. Fraise hat schon mehrmals im Gefängnis gesessen, wegen illegalen Waffenbesitzes, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Volksverhetzung und ähnlichem. Ihn umgibt also die Aura des Widerständlers und Märtyrers. Überregionale Zeitungen berichteten schon über ihn, darunter die ganz großen Blätter und Magazine. Eine solche Größe in Holzminden, so ein Mann sagte ihm, dem 21jährigen David Grollitsch, sein persönliches Erscheinen zu - das darf einem schon den Schlaf rauben.

 

Soll er sich zwingen, weiter zu schlafen, bloß weil Feiertag ist? Von wegen! Deutschland, erwache! Holzminden erwache! David, steh auf!

 

Wenn dieser 1. Mai mehr werden soll als bloß ein Tag zum Faulenzen und Vergnügen, wenn dieser 1. Mai 2014 ein Feiertag für ihn und die Bewegung werden soll, kann er sicherlich noch irgendwas dafür tun. Er setzt sich im Bett auf und überlegt, was er zum Gelingen noch beitragen könnte. In  den vergangenen Tagen hat er das Treffen perfekt vorbereitet und alles mehrfach überprüft: Sein Zimmer als Büro der Bewegung Deutschland 45, ist sauber und aufgeräumt, alle Unterlagen der Organisation liegen griffbereit in den Regalen. Auch das logistische Zentrum, das heimliche Hauptquartier, wie sie es nannten, ein unbewohntes Haus in Fohlenplacken, haben Grollitsch und seine Kameraden gestern noch auf Vordermann gebracht. Das Haus haben die Eltern seines Kameraden und Vizevorsitzenden Steffen Dempewolf geerbt, aber keine Lust, von der Stadt in die Einöde des Sollings zu ziehen. Nun steht die Bude schon seit zwei Jahren zum Verkauf. Man wird Immobilien im Landkreis schlecht los. Viele junge Menschen gehen weg von hier, weil die idyllische Landschaft eben nicht alle ernährt. Die wenigen Zuzügler, meist Neuzugänge der Global Players, sie haben hohe Ansprüche und kaufen ungern die sanierungsbedürftigen Häuser der 50er Jahre. Und so hoffen David und Steffen, dass sich so lange kein Käufer findet, bis die Bewegung D 45 genügend Mittel zusammen hat, sich das Haus zu kaufen und zum offiziellen Hauptquartier auszubauen. Solange können sie dort ihre Sachen aufbewahren. Dempewolfs, die Besitzer, kommen nur nach Fohlenplacken, wenn ein Interessent das Haus sehen will. Also eher selten. Steffen räumt in solchen Fällen alles vorübergehend auf den Dachboden: ihre Military-Klamotten, in denen sie zu kleinen Manövern durch den Solling streifen, ihre Camping-Ausrüstungen, Bücher und Broschüren zur Weiterbildung. Auch ein Grundstock von Technik ist vorhanden: ausgemusterte Computer, Drucker, Software, CDs und DVDs die zur Verbreitung dienen sollten - ja, man ist noch am Anfang, aber voller guter Ideen und voll des guten Willens. Selbst Waffen hat man schon. Nicht viel, nichts Großes, aber Steffen meinte, das müsse sein. Und all das liegt heute gut präsentiert in den Räumen parat. Kirsch und Fraise werden Augen machen, wie weit die Bewegung schon ist.

 

David hätte die Zeit bis zum Eintreffen der Besucher gerne mit etwas Wichtigem ausgefüllt, er rückt hier noch was zurecht, stellt dort noch etwas um und überlegt, ob die Anordnung der Bücher nicht besser anders erfolgen sollte. Er tigert im Zimmer auf und ab. Dann bleibt er stehen und konzentriert sich auf den großen Moment des heutigen Tages:

Vor seinen Augen verschwimmt sein Zimmer, er sieht sich auf dem Marktplatz stehen, vor einem Rednerpult, und hört sich seine Rede halten, an der er in den letzten Tagen wie besessen schrieb. Eine flammende Rede, er hört Applaus, er hört Zurufe:

- Genau das wollen wir!

- Genau das brauchen wir!

- Genau darauf hat die Welt gewartet!

 

Ja, doch, so stellt er sich seinen Ersten Mai vor. Er stellt sich eine großartige Zukunft vor und diese Zukunft wird heute beginnen. Bis zum Beginn der Zukunft hat er noch vier endlose Stunden Zeit.